STIFTUNG GEISTLICHES LEBEN Kirche ist der Ort, wo Gotteserfahrung vertieft und immer lebendiger wird (Roger Schütz, Communauté de Taizé)
Kirche ist der Ort, wo Gotteserfahrung vertieft und immer lebendiger wird (Roger Schütz, Communauté de Taizé)

Prof. Peter Zimmerling, 10 Jahre im Stiftungsrat

Rückblick auf 10 Jahre Mitarbeit im Stiftungsrat der Stiftung Geistliches Leben.

Prof. Dr. Peter Zimmerling, Leipzig

Bevor ich von den Gründen spreche, warum ich im Stiftungsrat mitgewirkt habe, möchte ich zwei Vorbemerkungen vorwegschicken, die den Anlass meiner Mitarbeit beschreiben und in die Zeit vor der offiziellen Gründung der Stiftung vor 30 Jahren zurückreichen. Michael Welker, damals noch Professor für Systematische Theologie in Münster, hatte mir nach dem Abschluss der Promotion über die Trinitätslehre des Grafen Zinzendorf bei Jürgen Moltmann in Tübingen eine Habilitation über die charismatischen Bewegungen der Gegenwart im deutschsprachigen Raum angeboten. Er wusste von meinem einige Jahre zurückliegenden Besuch in Brasilien mit einer Reihe von Probevorlesungen an einem theologischen Seminar, das zur dortigen Pfingstbewegung gehörte. Außerdem hatte er selbst ein Buch über den Heiligen Geist verfasst („Der Geist Gottes“), das sehr schnell auch auf Amerikanisch erschien und dort nicht zuletzt von Pfingsttheologen rezipiert wurde. Darum wollte Michael Welker wissen, wie es mit pfingstlich-charismatischen Bewegungen im deutschsprachigen Raum stand. Darum das Thema meines Habilitationsprojektes. Als ich mit der Arbeit daran begann, stieß ich auf die Veröffentlichungen von Hans-Diether Reimer. Er und seine Frau Ingrid luden mich zu einem Fachgespräch in ihre Wohnung nach Stuttgart ein, wo sie zu diesem Zeitpunkt noch wohnten. Die Begegnung mit dem Ehepaar Reimer verlief in theologischer wie in menschlicher Hinsicht außerordentlich erfreulich, so dass ich Jahre später, als Ingrid Reimer mich fragte, ob ich mir eine Mitarbeit im Stiftungsrat vorstellen konnte, nicht gut nein sagen konnte.

Dazu war in der Zwischenzeit noch ein anderer Anlass hinzugekommen. Ich war damals Pfarrer der Kommunität Offensive Junger Christen (OJC) in Reichelsheim im Odenwald und hatte als deren Vertreter bei ein oder zwei Treffen, die der Vorbereitung der Gründung der Stiftung Geistliches Leben in Schloss Craheim dienten, teilgenommen. Die OJC war während der Studentenunruhen 1968 auf dem Gelände der Evangelischen Marienschwesternschaft in Darmstadt-Eberstadt entstanden. Deren Leiterin, Mutter Basilea Schlink, hatte die OJC spirituell mitgeprägt. Einer ihrer Kernsätze lautete: „In das Fundament eines jeden neuen Glaubenswerkes gehört ein großes Opfer.“ Es war mir daher sympathisch, als ich erfuhr, dass Herr und Frau Reimer ihr persönliches Vermögen in die Stiftung Geistliches Leben eingebracht hatten und selbst einen einfachen Lebensstil pflegten.

Soweit die beiden Anlässe, warum ich vor 10 Jahren zugesagt habe, im Stiftungsrat mitzuarbeiten. Jetzt zu den theologischen Gründen.

  1. Seitdem ich in der 10. Gymnasialklasse im Religionsunterricht zusammen mit acht Mitschülerinnen und Mitschülern Christ geworden war (fünf von uns wurden Pfarrer), stand die Beziehung zu Jesus Christus und die Gemeinschaft mit anderen Christen im Zentrum meines Glaubens und meiner Theologie. Später wurde mir mehr und mehr deutlich, dass es eine Erneuerung der Kirche nicht auf organisatorisch-institutionellem Wege, sondern nur durch eine Erneuerung ihrer Spiritualität geben würde. Genau das war auch von Anfang an die Überzeugung der Stiftung Geistliches Leben.
    Seit etwa 10 Jahren bin ich an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig auch für die Gemeindepraktika zuständig, die ordentlicher Teil des Curriculums sind. Dabei lese ich u.a. die Praktikumsberichte und führe mit den Theologiestudierenden ein Praktikums-Nachgespräch. Dabei ist mir aufgefallen, dass bisher nur in einem einzigen Bericht von einem gemeindlichen Gebetskreis die Rede war, der eine grundlegende Rolle für die Gemeindearbeit spielte.

  2.  Ein zweiter Grund für meine Mitarbeit im Stiftungsrat waren die unterstützten Personen und Projekte. Zum einen handelte es sich dabei meist um kleinere, oft kaum bekannte geistliche Initiativen zur Erneuerung der Christenheit in Deutschland. Zum anderen kamen mir die Initiativen meist unglaublich einfallsreich und bunt vor. Und schließlich bezogen sich viele auf die östlichen Bundesländer. Das fand ich angesichts von ca. 25 % Kirchenmitgliedern (mit abnehmender Tendenz) in Ostdeutschland besonders wichtig. Außerdem lebe und arbeite ich seit über 18 Jahren in Leipzig, einer Stadt mit weniger als 16 % Kirchenmitgliedern und fühle mich mittlerweile selbst als Wahlsachse.

  3. Ein dritter Grund meiner Mitarbeit bestand in meiner akademischen Tätigkeit. Ich war nicht zuletzt als Vertreter der wissenschaftlichen Theologie in den Stiftungsrat berufen worden. Schon vorher hatte mich die Stiftung in großzügiger Weise in meiner wissenschaftlich-theologischen Arbeit unterstützt. Z.B. mit einem äußerst großzügigen Druckkostenzuschuss für die Publikation meiner Habilitationsschrift über die charismatischen Bewegungen der Gegenwart im deutschsprachigen Raum (zuletzt wieder erschienen unter dem Titel „Charismatische Bewegungen“, 2. Auflage, Göttingen 2018). Ohne dieses Buch in dem renommierten Verlag hätte ich die Stelle in Leipzig nicht bekommen. Dazu kam die Übernahme von Fahrtkosten für die Studierenden bei Exkursionen auf den Spuren Dietrich Bonhoeffers. Dabei war mir von Anfang an ein Anliegen, Studierende in geistliche Studien- und Lebensvollzüge einzuführen, wie Bonhoeffer sie in seinem Buch „Gemeinsames Leben“ beschrieben hat.
    Ich hatte bei meiner Mitarbeit im Stiftungsrat immer auch im Blick, wie eine Brücke zwischen der Arbeit der Stiftung und der Universitätstheologie geschlagen werden könnte; d.h. wie Anliegen der charismatischen Bewegungen von der wissenschaftlichen Theologie aufgenommen werden könnten. Oder allgemeiner gesagt, wie das Thema Spiritualität im Kontext des Theologiestudiums einen festen Ort bekommen kann. Als Fakultäten sind wir gut darin, den von Studierenden mitgebrachten Kinderglauben zu destruieren. Wir sind jedoch weithin unfähig bzw. auch unwillig, ihnen dabei zu helfen, einen reifen, reflektierten und gestalteten Glauben zu entwickeln. Bisher haben sich nur punktuell Beziehungen zwischen Stiftung und Universitätstheologie entwickelt. Ich denke etwa an den Leipziger Theokreis und das Tübinger Albrecht-Bengel-Haus. Die Unterstützung von spirituellen Initiativen im akademischen Raum ist noch ausbaufähig.

  4. Eng mit dem dritten Grund war der vierte verbunden. Solange es die Schriftenreihe Geistliches Leben gab, war ich in deren Redaktionskreis tätig. Leider hat sich im Verlauf der Jahre herausgestellt, dass die herausgegebenen Bücher immer weniger gekauft wurden. Das lag nach meiner Überzeugung weder an den Themen noch an der Qualität der Bücher. In gewisser Weise ist die Reihe dem allgemeinen Trend zur Digitalisierung zum Opfer gefallen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass die Stiftung sich auch in Zukunft dafür einsetzen sollte, Christen mit geistlich gehaltvoller Lesekost zu versorgen. Leider konnte ich mich mit meinem Vorschlag, entsprechende Bücher und Texte in digitalisierter Form auf der Homepage der Stiftung einzustellen, nicht durchsetzen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich in den vergangenen Jahren auch nicht genug Energie besaß, mich an dieser Stelle stärker zu engagieren. Eine andere Möglichkeit könnte darin bestehen, in Zukunft gehaltvolle Ansprachen und Predigten von unseren Tagungen als Videos auf der Homepage zugänglich zu machen.

  5. Last not least war die Gemeinschaft mit den anderen Mitgliedern des Stiftungsrates bei den Sitzungen und Tagungen ein Grund für meine Mitarbeit. Es freute mich, so viele und so unterschiedliche Personen zu erleben, die ihr Leben in den Dienst Gottes gestellt haben. Das Miteinander war für mich immer eine geistliche Stärkung – auch dann, wenn wir einmal nicht einer Meinung waren. Für mich war es ein Stück gelebter christlicher Gemeinschaft, ja, ein Stück gelebter Ökumene. Ich danke den anderen Mitgliedern des Stiftungsrates sehr für die vergangenen gemeinsamen zehn Jahre.

Angesichts der Zinsentwicklung in den vergangenen Jahren wurden die finanziellen Mittel, die zur Förderung zur Verfügung standen, kontinuierlich geringer. Natürlich ist mein Wunsch, dass sich dies in den kommenden Jahren wieder ändert. Trotzdem hat die Stiftung immer noch die Möglichkeit, Initiativen zur Erneuerung des geistlichen Lebens in Kirche und Gesellschaft zu unterstützen. Ich denke dabei gerade an solche Initiativen, die aufgrund ihrer Kleinheit und spirituellen Prägung sonst übersehen würden. Die Stiftung kann auf sie in der kirchlichen Öffentlichkeit aufmerksam machen und ihnen damit Anerkennung verschaffen.

 

Spiritualität und Gemeinschaft Anlässlich des 65. Geburtstags von Prof. Zimmerling erschien Die Festschrift “Spiritualität und Gemeinschaft”. 

Die Beiträge in diesem Buch reagieren auf die gegenwärtig überwiegend am Individuum ausgerichteten Bedeutungszuschreibungen des Spiritualitätsbegriffs, indem es die Rolle der Gemeinschaft zum Untersuchungsschwerpunkt macht.

Unzählige Versuche definieren Spiritualität: zwischen Sinnsuche und Sinnfindung, Selbstwahrnehmung und Selbsttranszendenz, als Begegnung mit dem Geist des Menschen und dem Geist Gottes, zwischen Achtsamkeit gegenüber dem Selbst, gegenüber der Welt und/oder Gott.

Dabei fällt auf, dass Spiritualität mehrheitlich individualisiert verstanden wird. Ihre Gemeinschaftsdimension blendet der populäre Diskurs nicht selten aus. Doch spirituelle und mystische Erfahrungen haben personale und gemeinschaftsbezogene Aspekte, die jeweils aufeinander zu beziehen sind. Die breit gefächerten Zugänge des Bandes verbinden unter dieser Prämisse praktisch-theologische mit exegetischen, historischen, systematisch-theologischen und soziologischen Perspektiven.